Was kann Psychoedukation bringen?
...mir als Patienten?


Schizophrene Psychosen zählen zu den kompliziertesten und geheimnisvollsten Erkrankungen, die es gibt. Selbst langjährig erfahrene Psychiater und Psychotherapeuten "lernen nie aus"", sie müssen sich einer ständigen Fort- und Weiterbildung unterziehen, um den Anschluss zum aktuellen Wissensstand zu halten.
Für erstmals davon betroffene Patienten stellt diese Erkrankung eine sehr große Verunsicherung und Überforderung dar. Als Laie besitzt man in der Regel sehr wenig Information zu diesem Krankheitsbild und kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass es "so etwas überhaupt gibt".

In den psychoedukativen Gruppen werden die Patienten mit dem aktuellen Wissensstand vertraut gemacht und erhalten eine therapeutische Hilfe, die schwierigen Fakten über die Erkrankung besser zu "verdauen".
Zum Glück gibt es mittlerweile eine Reihe von sehr wirksamen medikamentösen, psychotherapeutischen und auch psychosozialen Behandlungsmaßnahmen, die Anlass zu echtem Optimismus geben. Diese Maßnahmen können aber nur dann greifen, wenn Betroffene sie kennen und auch in Anspruch nehmen. In den psychoedukativen Gruppen wird über die verschiedenen Behandlungsmethoden gesprochen, Vor- und Nachteile erörtert, Erfolgschancen und Zweifel diskutiert. Patienten erhalten somit eine gute Ausgangsbasis, um über die Behandlung ihrer Erkrankung kompetent mit entscheiden zu können.
Ganz wichtig ist für viele Patienten, dass sie die Berührungsangst mit dem Thema "Schizophrene Psychose" verlieren. Es kommt zu einer deutlichen Verringerung von Ängsten, Unsicherheiten und überzogenen Befürchtungen.
Durch den Wissenszuwachs und das Gefühl, sehr gut Bescheid zu wissen in dieser eigenen Angelegenheit, entsteht Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein. Dadurch kann sich wieder Hoffnung breit machen, diese setzt oft ungeahnte Kräfte frei. Insgesamt helfen psychoedukative Gruppen den Patienten dabei, wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, eine weitgehende Unabhängigkeit in ihrem Alltag zu finden und Zufriedenheit mit ihrem Leben zu erreichen. Da sie besser Bescheid wissen und Experten ihrer Erkrankung sind, haben sie eine bessere Chance für einen positiven Krankheitsverlauf, d.h. für ein Leben mit weniger Rückfällen und weniger Tagen, die sie in psychiatrischen Kliniken verbringen müssen.
Gleichzeitig können aber im direkten Erfahrungsaustausch auch die Profis von den Patienten sehr viel praktisches Hintergrundwissen lernen, was letztendlich ihren Patienten auch wieder zugute kommt.

...mir als Angehörigen?


Die meisten psychischen Erkrankungen sind keine alleinige "Privatsache" der Patienten. Vor allem die nächsten Angehörigen werden ganz automatisch auch davon betroffen.
Doch nicht alle Beschwerden können von den nicht erkrankten Angehörigen ohne weiteres nachvollzogen werden. Oft gibt es viel Unverständnis und Ratlosigkeit bei den Angehörigen. Damit die Angehörigen die Chance bekommen, die Krankheitssymptome des erkrankten Familienmitgliedes richtig zu deuten, sich entsprechend einzufühlen und Verständnis für die damit einhergehenden Belastungen zu entwickeln, sind psychoedukative Gruppen eigentlich unumgänglich.
Wenn die nicht erkrankten Familienmitglieder die Krankheit richtig verstanden und akzeptiert haben und gut Bescheid wissen über die wichtigsten Behandlungsmaßnahmen, dann können die meisten Angehörigen zu richtiggehenden "Co-Therapeuten" werden.
Das heißt nicht, dass sie sich im Übermaß in die Behandlung einmischen sollen und die Behandlung übernehmen sollen! Aber durch ihr verbessertes Verständnis und durch ihr unerschrockenes Aushalten an der Seite der Patienten können sie sehr viel Stabilität und Zuversicht vermitteln, die den meisten Patienten sehr zugute kommt.
Durch ihr verbessertes Wissen über die Krankheit und die damit verbundenen Empfindsamkeiten der Patienten können sie auch zu einem weniger stressvollen Familienklima beitragen. All diese Faktoren begünstigen das Abklingen der Erkrankung und den langfristigen Genesungsverlauf.

Was hat Psychoedukation anderen gebracht?


Es gilt als gesichert, dass das Wissen über die Erkrankung und ihre Behandlung deutlich zunimmt, und dass sich die Zusammenarbeit mit den Therapeuten (die sogenannte Compliance) bessert.
In vielen internationalen Studien konnte nachgewiesen werden, dass die stationäre Wiederaufnahmerate von Patienten, die selbst und auch ihre Angehörigen Psychoedukation erhalten hatten, deutlich verringert werden konnte im Vergleich zu Familien ohne Psychoedukation (Pitschel-Walz et al. 2001). In der Münchener PIP-Studie (Psychosen-Informations-Projekt) z.B. mussten im ersten Jahr nach dem Klinikaufenthalt nur etwa halb so viele Patienten erneut stationär aufgenommen werden (21% statt 38%), wenn sie und ihre Angehörigen an psychoedukativen Gruppen teilgenommen hatten (Bäuml et al. 1996).

Mittlerweile gibt es auch schon Ergebnisse über die langfristigen Auswirkungen von Psychoedukation. Die Patienten aus der Münchner PIP-Studie, die wie ihre Angehörigen psychoedukative Gruppen besucht hatten, waren auch noch nach 7 Jahren im Vorteil: sie mussten deutlich weniger oft in eine psychiatrische Klinik stationär aufgenommen werden. Die Patienten ohne Psychoedukation mussten im Durchschnitt 3x so viele Tage in psychiatrischen Kliniken verbringen wie die Patienten mit Psychoedukation.
Auch die Kommunikationsfähigkeiten, das heißt die Fertigkeiten im Umgang mit anderen, und das Verhalten in Konflikt- und Krisensituationen werden deutlich besser. Dadurch kann Stress rechtzeitig vermieden werden, was zur Senkung der Rückfallrate beiträgt. Aber auch die Zufriedenheit mit dem familiären Klima nimmt zu und damit steigt die Lebensqualität der gesamten Familie.
© Dr. med. Josef Bäuml u. Dipl.-Psych. Dr. Gabi Pitschel-Walz, 2004