Welche Formen der Psychoedukation gibt es?
In der nachfolgenden Übersicht sind die heute wichtigsten Formen der Psychoedukation zusammengestellt (nach Pitschel-Walz et al.).
Teilnehmerkreis
- Einzelgespräche mit Patienten oder Angehörigen
- Sitzungen mit einzelnen Familien
- Sitzungen mit mehreren Familien (ca. 3-6 Patienten mit ihren Angehörigen)
- Nur Angehörigengruppen (ca. 8-15 Angehörige)
- Nur Patientengruppen (ca. 6-12 Patienten)
- Patienten- und Angehörigengruppen finden parallel (bifokal) statt
Zeitrahmen
- Einmaliges Gespräch bzw. einmalige Gruppensitzung
- Kurzfristige Psychoedukation (ca. 2 bis 8 Sitzungen)
- Langfristige Psychoedukation (mehr als 8 Sitzungen; über einen Zeitraum von 3 Monaten und länger, bis zu 2 Jahren)
Im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile mehrere verschiedene Psychoedukationsprogramme für schizophrene Psychosen, die sich - neben vielen Gemeinsamkeiten - hinsichtlich des Teilnehmerkreises, dem zeitlichen Rahmen und der inhaltlichen Schwerpunkte unterscheiden. Zur besseren Veranschaulichung sollen hier zwei Beispiele kurz erläutert werden:
- das Programm der Münchener PIP-Studie (=Psychosen-Informations-Projekt): psychoedukative Gruppen für Patienten und Angehörige (Bäuml et al. 1996)
- die Psychoedukative Familienintervention "PEFI", die in der Walter-Picard-Klinik in Riedstadt entwickelt wurde (Berger et al. 2004)
Das Programm der Münchener PIP-Studie (Basisprogramm)


In München wurden acht psychoedukative Gruppentreffen eingeführt, damit während der Akutbehandlung in einer psychiatrischen Klinik die Chance besteht, bei zwei Sitzungen pro Woche (z.B. Dienstag und Donnerstag je 1 Stunde) dieses Programm abzuwickeln. Neben den Gruppen für Patienten werden parallel dazu abends auch Gruppen für deren Angehörige (wöchentlich oder 14-tägig, je 1 ½ - 2 Stunden) angeboten.
Die Gruppensitzungen sind klar strukturiert. In der Eröffnungsrunde kann jeder Teilnehmer zu Wort kommen, über seine Befindlichkeit aktuell und in den letzten Tagen berichten, eigene Fragen oder Probleme einbringen. Dann werden die wichtigsten Inhalte der vergangenen Sitzung gemeinsam kurz wiederholt. Im Anschluss wird das aktuelle Thema der Gruppensitzung erarbeitet. Es handelt sich dabei um die "interaktive" - dass heißt im gemeinsamen Gespräch stattfindende - Erarbeitung der wichtigsten Themen. Es soll kein Frontalunterricht wie in der Schule sein; der Therapeut hat zwar die Gruppenleitung inne, er wird auch sein Fachwissen möglichst anschaulich einbringen. Dabei versucht er aber immer wieder die Teilnehmer mit einzubeziehen und deren eigene Erfahrungen einzubauen.
Als Inhalt der einzelnen Sitzungen kommen im Prinzip viele Themen in Frage. Allerdings ist es nicht möglich und auch nicht sinnvoll, diese Vielfalt in den Gruppen abzuhandeln. Die Konzentration auf einige wenige Punkte, die das grundlegende Verständnis der psychotischen Erkrankung und der Wirkprinzipien der Behandlung erleichtern, hat sich bewährt.
Die folgende Themenzusammenstellung hat sich als sehr brauchbar herausgestellt:
- 1. Sitzung: Vorstellung der Teilnehmer

Erwartungen an die Gruppe, aktuelle Situation ("Bin ich hier richtig?")
- 2. Sitzung: Krankheitsbegriff und Symptomatik

("Ist das überhaupt eine Psychose?")
- 3. Sitzung: Ursachen: "Somatische Brücke"

("Wie kann man sich das Zustandekommen dieser Beschwerden erklären?")
- 4. Sitzung: Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell

("Woher kommt diese Erkrankung?")
- 5. Sitzung: Medikamente und Nebenwirkungen

("Schaden diese Medikamente nicht mehr als sie nutzen?")
- 6. Sitzung: Rückfallschutzbehandlung, Frühwarnzeichen und Krisenplan

("Was kann man bei drohenden Rückfällen machen?")
- 7. Sitzung: Psychotherapie und soziotherapeutische Maßnahmen

("Kann man den inneren Knackpunkt finden?" "Welche Unterstützungsmaßnahmen kommen in Frage?")
- 8. Sitzung: Wiederholung, offene Fragen, Selbsthilfegruppen, Zukunftsperspektiven
Zum Schluss der Sitzungen wird immer ein kurzes "Blitzlicht" durchgeführt, d.h. jeder Teilnehmer teilt kurz mit, wie er sich momentan fühlt, ob es offene Fragen oder Konflikte gibt etc. Die Therapeuten achten darauf, dass Konflikte weitgehend geklärt werden und die Gruppensitzung in einer hoffnungsvollen, optimistischen Stimmung endet.
Das im Rahmen der Studie entstandene Buch "Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige" (Bäuml, 1994) greift die wichtigsten Fragen der Betroffenen und ihrer mitbetroffenen Familienangehörigen auf und versucht, Antworten darauf zu geben, die vom Laienpublikum auch problemlos verstanden werden. Es bietet sich als Begleitlektüre zu den Gruppen an.
Falls psychoedukative Gruppen im Umkreis nicht verfügbar sind, kann das Ratgeberbuch eine erste Hilfe sein und "Psychoedukation im Selbststudium" bieten.
Dieses Buch, das für Patienten, Angehörige und auch professionelle Helfer gleichermaßen geschrieben worden ist, soll sicherstellen, dass in den Familien ein vergleichbarer Wissensstand besteht und dass vor allem zu Hause "die gleiche Sprache" gesprochen wird, um vermeidbaren Missverständnissen vorzubeugen. Dies stellt eine ganz wesentliche Voraussetzung für die Vermeidung von Konflikten zu Hause dar.

Die psychoedukative Familienintervention "PEFI" ("Kür"Programm)


Die Idee für dieses Programm rührt aus der Erkenntnis heraus, dass das familiäre Klima in erheblichem Maß den Verlauf schizophrener Störungen mit beeinflusst. Familien, die sich unterstützend verhalten, können die Rückfallgefahr bei schizophrenen Psychosen senken helfen.
Das besondere an diesem Programm ist, dass hierbei mehrere Familien in einer Gruppe zusammengefasst werden. Die Familiengruppen gestatten es nämlich, dass sich bei Übungen und Rollenspielen die Familienmitglieder der einzelnen Familien unter einander mischen. Hieraus ergeben sich wesentliche Lerneffekte, die in den anderen genannten Gruppenformen so nicht möglich sind.
Das PEFI-Programm ist für Patienten gedacht, die gerade einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hinter sich haben und in ihrem Alltag (Familie, Ausbildung, Beruf, Freizeit) wieder Fuß fassen wollen.
Es erstreckt sich über 10 Sitzungen und setzt sich aus den folgenden vier Bausteinen zusammen:
- Informationsvermittlung
- Kommunikationstraining
- soziales Kompetenztraining
- Problemlösetraining
An den ersten vier Abenden geht es vorrangig um eine umfassende Aufklärung über die Erkrankung, um eine fundierte Wissensgrundlage für die kompetente Bewältigung der Krankheit zu schaffen.
Die Informationen beziehen sich auf die
- medikamentöse Behandlung,
- physiologische (die Körperfunktionen betreffende) und biochemische Grundlagen der Behandlung,
- Nebenwirkungen der Medikamente,
- nichtmedikamentöse Behandlungsformen und Stressbewältigung,
- nachstationäre Behandlung und Betreuung.
Diese Inhalte sollen das Vorbeugen von Rückfällen für die Familienmitglieder nachvollziehbar machen. Durch die Kombination aus medikamentöser Therapie und Verringerung von psychosozialem Stress soll dieses Ziel erreicht werden.
Die Aufklärung dient auch dazu, Schuldgefühle, Ängste und Vorwürfe in den Familien zu verringern und dadurch Stressbelastungen für den Patienten zu reduzieren.
In der fünften Sitzung geht es um die Erkennung von Frühwarnzeichen. Die Familien werden gemischt, und in Kleingruppen wird eine Liste patientenspezifischer Frühwarnzeichen erstellt. Zum Schluss der Sitzung werden Maßnahmen für den Fall eines drohenden Rückfalls erarbeitet und in einem Krisenplan festgehalten.
In den Sitzungen sechs bis acht wird in Form von Rollenspielen geübt, wie man in Gesprächen besser aufeinander eingehen kann (aktives Zuhören, Äußern von negativen Gefühlen, Stellen von berechtigten Forderungen) und dadurch Spannungen innerhalb der Familie abbauen kann.
In der neunten Sitzung wird ein Problemlösekonzept vorgestellt und anhand eines Beispiels durchgesprochen.
In der letzten Sitzung werden von den Teilnehmern eigene Beispiele eingebracht und das Problemlösekonzept somit bei tatsächlichen (familiären) Schwierigkeiten eingeübt.
In der Wiederauffrischungssitzung, die nach einem halben Jahr angeboten wird, wird ein Erfahrungsaustausch in gemischten Familien angeregt. Die Kleingruppen erarbeiten dabei, welche der erlernten Strategien erfolgreich angewendet wurden und welche nochmals geübt werden sollten. Bei Bedarf werden einzelne Inhalte und Kommunikationsstrategien wiederholt.
© Dr. med. Josef Bäuml u. Dipl.-Psych. Dr. Gabi Pitschel-Walz, 2004